Ibiza hat zwei Küsten. Da ist die, zu der man mit dem Auto fährt – Parkplatz, Holztreppe, das Handtuch eingeklemmt zwischen zwei anderen Handtüchern – und da ist die, die sich erst öffnet, wenn man dreihundert Meter vor der Küste treibt, Motor aus, und auf eine Klippe zurückblickt, hinter der keine Straße liegt. Ein Tag auf dem Wasser ist mit Abstand die beste Art, Ibiza mit dem Boot zu erleben, und das ist weit weniger exklusiv, als die Yachtfotos vermuten lassen. Dies ist ein Insider-Guide zu den Buchten, die den Kurs wert sind, zu den tatsächlichen Bootskosten und zu den Ankerregeln, über die jeden Sommer mehr Besucher stolpern.
Warum die Insel vom Wasser aus völlig anders aussieht
Ibiza ist klein – rund 45 Kilometer von einem Ende zum anderen –, doch die Küste faltet sich zu etwa 210 Kilometern aus Klippen, Buchten und Landzungen. Gut ein Drittel davon ist überhaupt nicht über Straßen erreichbar. Vom Boot aus sieht man die Teile der Insel, die Reiseführer auslassen: den Sandsteinbruch Sa Pedrera de Cala d'Hort, im 19. Jahrhundert von Steinmetzen in geometrische Blöcke geschnitten und heute halb vom Meer verschluckt; die Höhlen unter Punta Galera; die Nordküste zwischen Cala d'en Serra und Portinatx, wo die Felsen um sechs Uhr abends kupferfarben leuchten.
Dazu kommt schlicht die Wasserqualität. Das klarste Wasser Ibizas liegt fast nie am vollsten Strand. Es liegt vierzig Meter vor dem vollsten Strand, über Sand, wo niemand Sediment aufwirbelt. An einem ruhigen Morgen im Süden ankert man in acht Metern Tiefe und kann die Rippel am Grund zählen.
Die Buchten, für die sich der Kurs lohnt
Es Portitxol (Nordwesten, nahe Sant Miquel) ist das Postkartenmotiv: ein Hufeisen aus grauen Kieseln, eine Handvoll alter Fischerbootshäuser mit hölzernen Slipanlagen, keine Bar, keine Musik. Der Abstieg von der Straße ist eine Strapaze – genau deshalb bleibt es hier ruhig. Über das Meer anzukommen fühlt sich fast nach Schummeln an.
Cala Salada und Cala Saladeta liegen direkt nebeneinander an der Westküste. Zur Saladeta führt keine Straße, nur eine Kletterei über Felsen, und das Wasser hat ein Grün, das kaum echt wirkt. Außerhalb der Badezone ankern und hineinschwimmen.
Cala d'Hort und Es Vedrà sind der Klassiker im Südwesten. Der 400 Meter hohe Kalkfelsen steigt senkrecht aus dem Meer und wirkt aus der Nähe wirklich gewaltig, nicht bloß fotogen. Ihn zu umrunden gehört zu den großen halben Stunden im Mittelmeer. Es Vedrà ist strenges Naturschutzgebiet – Anlanden ist verboten, und die Seevogelkolonien sind der Grund dafür.
Cala Benirràs an der Nordküste ist einen Sonntagnachmittag wert, wenn sich die Trommler zum Sonnenuntergang am Strand versammeln. Vom Wasser aus hat man das ganze Amphitheater im Blick – und umgeht den Stau auf der Zufahrtsstraße.
Cala Llentia, Cala Codolar und Cala Conta bilden eine gute Kette im Südwesten, wenn der Wind aus Norden kommt. Zwischen Conta und den Inselchen S'Espartar und Ses Bledes wird das Wasser über hellem Sand flach, und die Farbe wirkt fast karibisch.
Cala Mastella und Pou des Lleó an der ruhigeren Ostküste sind die vernünftige Wahl, wenn es im Westen bläst. Klein, geschützt, unaufgeregt, mit genau den Fischerhütten, die man am liebsten kaufen würde.
Formentera an einem Tag – die einfache Variante
Für den besten Tag auf See braucht man kein eigenes Boot. Die Personenfähre von der Estación Marítima in Ibiza-Stadt nach La Savina dauert mit den Schnellverbindungen rund eine halbe Stunde, und mehrere Anbieter fahren vom frühen Morgen bis zum Abend. Hin- und Rückfahrt kostet in der Hochsaison meist zwischen 40 und 60 Euro pro Erwachsenem, und im August lohnt es sich, vorab online zu buchen – wegen des Preises und weil die Mittagsabfahrten ausgebucht sind.
Vor Ort mietet man am Hafen ein Fahrrad oder einen Roller und fährt nach Ses Illetes oder Cala Saona. Zwei Dinge sollte man wissen: Formentera erhebt im Sommer eine Einfahrts- und Verkehrsgebühr für mitgebrachte Autos und Motorräder – als Fußpassagier zu reisen und vor Ort zu mieten ist deshalb meist günstiger und immer unkomplizierter. Und die letzte Fähre zurück fährt früher, als man denkt: Schauen Sie auf die Uhrzeit, bevor Sie die zweite Flasche bestellen.
Zwischen den beiden Inseln liegt Espalmador, eine flache Sandinsel mit einer berühmten Schlammlagune. Sie ist in Privatbesitz und steht unter Schutz; der Zugang ist streng geregelt und die Lagune selbst tabu. Planen Sie den Tag nicht um sie herum.
Ein Boot mieten: die ehrliche Rechnung
Es gibt drei realistische Wege aufs Wasser.
Gemeinsame Gruppentouren sind der günstigste Einstieg. Halb- und Ganztagesausflüge ab Sant Antoni, Ibiza-Stadt, Santa Eulària und Cala d'Hort kosten je nach Boot, Dauer und ob Essen und Getränke inklusive sind, meist zwischen 50 und 100 Euro pro Person. Sunset-Törns rund um Es Vedrà sind am beliebtesten und im Juli und August tagelang im Voraus ausverkauft.
Ein kleines Boot ohne Führerschein mieten ist die Option, von der die meisten nicht wissen, dass es sie gibt. Nach spanischem Recht darf man ein Boot unter fünf Metern mit einem Motor von höchstens 15 PS ohne jede Qualifikation führen. Das ergibt ein kleines offenes Schlauchboot – perfekt, um bei geringem Tempo zwischen zwei oder drei nahen Buchten zu pendeln, unbrauchbar für die Überfahrt nach Formentera. Rechnen Sie je nach Saison und Anbieter mit etwa 150 bis 300 Euro pro Tag, plus Sprit und Kaution.
Charter mit Skipper reicht vom traditionellen hölzernen Llaüt für sechs Personen bis zur Flybridge-Motoryacht. Ein bescheidenes Tagesboot mit Skipper beginnt in der Nebensaison oft bei 400 bis 700 Euro und steigt im Juli und August steil an; größere Yachten gehen in die Tausende. Auf sechs oder acht Personen verteilt ist das weniger absurd, als es klingt – und ein Skipper, der die Insel kennt, findet Ihnen eine leere Bucht, während alle anderen vor der offensichtlichen anstehen.
Posidonia: die Regel, auf die es wirklich ankommt
Unter Wasser wächst rund um Ibiza und Formentera Posidonia oceanica, eine Seegraswiese, der das Meer hier seine Klarheit verdankt. Ein Klon davon nahe Formentera wird auf rund 100.000 Jahre geschätzt, und die Wiesen sind Teil des UNESCO-Welterbes der Inseln.
Ein Anker in der Posidonia reißt sie heraus, und sie wächst nur etwa einen Zentimeter pro Jahr nach. Das Posidonia-Dekret der balearischen Regierung verbietet das Ankern über dem Seegras, im Sommer patrouillieren Kontrollboote und die Bußgelder erreichen empfindliche Höhen. Die praktische Antwort ist einfach: auf Sand ankern, niemals auf den dunklen Flächen. Sand erscheint von der Oberfläche leuchtend türkis, Posidonia dunkelgrün bis schwarz. Wer unsicher ist: Die balearische Regierung veröffentlicht eine kostenlose offizielle Karte mit den erlaubten Ankerzonen, und jede seriöse Charterfirma weist Sie darauf hin.
Dasselbe gilt für die Badebojenlinien – die gelben Markierungen vor belebten Stränden sind eine Grenze, keine Empfehlung.
Kleinigkeiten, die den Tag gelingen lassen
Früh los. Das Meer ist zwischen etwa acht und elf Uhr morgens am glattesten, und im Sommer frischt die Nachmittagsbrise fast täglich auf. Prüfen Sie die Windrichtung, bevor Sie eine Küste wählen: Nordwind heißt nach Süden und Osten, Südwind heißt nach Norden und Westen. Nehmen Sie doppelt so viel Wasser mit, wie Sie glauben zu brauchen, und einen ordentlichen Hut – vor Anker gibt es keinen Schatten, und die Sonnenreflexion auf dem Wasser wird massiv unterschätzt. Bargeld für die kleineren Strandkioske einpacken. Und wenn Sie Essen mitnehmen, nehmen Sie den Müll wieder mit: Die Buchten ohne Straße sind auch die Buchten ohne Mülleimer.
Tage auf See sind das Einzige auf dieser Insel, das den Fotos verlässlich gerecht wird. Suchen Sie sich eine Bucht, behalten Sie den Wind im Auge, und lassen Sie den Rest des Tages von allein geschehen.
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